Sexarbeit II – Gegner der Prostitution

 

 

In neuerer Zeit machen sich wieder selbsternannte „Retter“ auf den medialen Weg um gegen den bösen, patriarchalen Feind namens „Freier“ zu mobilisieren. Dieser Winkelzug ist nichts Neues, soll angeblich pädagogisieren, läutern und vor allem Schützen. Damals, vor ziemlich genau 100 Jahren in der Weimarer Republik, war das Lager der Feminist*innen auch zwiegespalten. Es gab die weiße Bourgeoise die damals schon schrie „alles Verbrecher, müssen bestraft werden“ und es gab die oft links/kommunistisch angehauchten Arbeiterinnen in der damals neu erblühten Industriewelt die sagten „lasst unsere Mädchen einfach nur in Ruhe arbeiten.“

Bevor vernünftige Lösungsmöglichkeiten gefunden wurden konnten gab es ein sehr finsteres Kapitel in Europa, erst seit den 1970er Jahren wurde wieder ein gestanden für vernünftige Arbeitsbedingungen, Legalität und vor allem Teilhabe an dem gesellschaftlichen Leben für Prostituierte. Auch wurde in den Strafrechtsreformen dieses Jahrzehnts verankert daß das Strafrecht nicht zur Durchsetzung von besonderen (Sexual-)Moralvorstellungen dienen soll, also auch Schutz der (sexuellen) Selbstbestimmung wie geschlechtliche Ausrichtung, Selbstbestimmung über den eigenen Körper (z.B. Abtreibung...) #MyBodyMyChoice

Der Kampf war hart, erst ab 2002 wurde ein Etablissement-Vermieter (oder sagen wir ruhig Puffbesitzer) der den Mieter*innen auch noch Kaffee, Kondome und Zewas in das möblierte Appartement nicht mehr mit dem Anklagepunkt „der Prostitution Vorschub leisten“ bedacht. Langsam änderten sich überall Arbeitsbedingungen da die Besitzer*innen und Vermieter*innen nicht sofort Angst haben mussten daß ihnen der Laden wieder umgehend geschlossen wird.

Der drastische Rückgang der Kriminalität in Bezug auf die Prostitution laut BKA Statistik habe ich in meinem vorherigen Blogbeitrag „Sexarbeit I“ ausreichend dokumentiert und beschrieben.

 

Und doch scheint noch immer ein Stück von einer Ungerechtigkeit zu bestehen die es zu überwinden gilt. Welche – das Patriarchat? Richtig!

Wir leben in einem solchen und alles, was nicht männlich in dieser Gesellschaft ist hat das Nachsehen. Daran ändern sich auch nicht irgendwelche gleichmacherischen Neuerungen die auch nur wieder das System Patriarchat unterstützen. Wo also anfangen? Im Kleinen? Bei mir selbst und meinem Umfeld? Gute Idee und doch schon schwierig genug. Lang muss der Atem sein und ausgehungert wird man in der Zwischenzeit. Lohnungleichheit und Mehrarbeit von Frauen wird immer noch als „ganz Normal“ angesehen oder billigend in Kauf genommen.  Ein paar Daten dazu mal aus der aktuellen Oxfam Studie von Januar 2020 packe ich hier unten mal als Screenshot dabei.

 

Wir können Feminismus auch als Kampf FÜR bessere gesellschaftliche Bedingungen z.B. Lohn, adäquater Ausgleich für reproduktive Arbeit (Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen...) sehen, hinschauen wo sind denn wirklich die Problematiken des jeweiligen Klientels?

Geht es der Bulgarin im Laufhaus darum daß Sex mit Fremden etwas verwerfliches ist? Gerade eine moralische Stigmatisierung macht doch auch erst das Unbehagen bei meiner Tätigkeit aus!

Oder geht es einer kleinen Gruppe von etablierten Feminist*innen darum ihr eigenes Männerbild über die Köpfe der Beteiligten hinweg zu zementieren?

Es kann nicht angehen daß sich etwas Feminismus nennt was bestimmte Frauengruppen ausschließt bzw. bevormundet! Prostitution ist nicht die Theorie der Geschlechterverhältnisse, nicht das Paradigma der Conditio Feminine!

Prostitution ist nicht die Matrize für Geschlechterkampf, sie ist ein Spiegel in all ihren historischen Wandlungen, mehr aber auch nicht!

 

Kein Mensch würde auf die Idee kommen und Ehen anhand der Erfahrungen von Bewohnerinnen eines Frauenhauses per se zu beurteilen – es stände verdammt schlecht um die Ehen und Männer dar.

Und doch hat eine aktuelle englische Studie gezeigt daß gut ein Drittel aller Ehen immer (noch) wegen der Wirtschaftlichkeit/Versorgung der Frau (in Abhängigkeit eines(!) Mannes geschlossen oder gehalten wird.

Wenn ihr dem ungleichgewichtigen und ausbeuterischem Geschlechterverhältnis den Kampf ansagt dann bitte gerne. Aber nicht auf dem Rücken der Frauen die sich hier ihren eigenen Anteil zurück erobern! Und hier gibt es den Kampf den wir Prostituierte wie alle anderen Arbeitenden führen: für fairen Lohn, gute Arbeitsbedingungen und gutes Umfeld.

Wir sind nicht das Feld für euren Geschlechterkampf das ihr Medienwirksam ins Felde führt! In einer Intension daß die Wissenschaft schon von einem „öffentlich aufgeführten Drama Frauenhandel“ spricht. (Kontos, Silvia: „Öffnung der Sperrbezirke. Zum Wandel von Theorien und Politik der Prostitution“, Königstein/Taunus 2009)

 

Es werden Geschlechterstereotyp postuliert die ins vorletzte Jahrhundert gehören, kein gender-queeres oder homosexuelles Verhalten, keine Entwicklung zur immer im zunehmenden Maße stattfindenden KundIN im Bereich Rotlicht, wahrscheinlich nicht unbedingt im Laufhaus aber in den einschlägigen Massage- & BDSM Studios, als Kundinnen von Escorts, Travelling-Prostitution (der bezahlte Kurschatten im Urlaub) etc.

Die Zuschreibung Frau=Opfer und Mann=Täter ist nicht nur extrem frauenfeindlich sondern auch ziemlich rassistisch und würdigt in nicht einem Ton den verdammt couragierten Weg den viele v.a. Frauen auf sich nehmen in z.T sehr weit entfernte Länder um endlich mal Geld zu verdienen.

 

 

Ihr werft uns vor nur wenige zu sein die sich für die Prostitution aussprechen, wir wären etabliert etc. Die ins Felde geführte Zahl von 1% ist nicht nur gänzlich an den Haaren herbei gezogen, es gibt weiterhin auch keinen wie auch immer gearteten Beleg dafür. Belege gibt es aber von der aufsuchenden Sozialarbeit z.B. Theodora e.V hier in Ostwestfalen-Lippe die von rund 40% Sexworker*innen spricht die gar nicht mit dem Job aufhören möchten und 20% die vielleicht irgend wann mal aufhören möchten, wenn das Haus abbezahlt ist, die Kinder aus der Schule sind oder was auch immer. Bleiben 40% die lieber was anderes machen würden (eine vergleichbare Umfrage unter Fabrikarbeiter*innen würde mich brennend interessieren! Und in beiden Fällen frage ich nochmal nach der Chancengleichheit, Lohndumping, bessere Ausbildungen und Arbeitsbedingungen etc.)

In der Tat sind die Leute, die sich offiziell in den Medien blicken lassen recht wenige aber es werden immer mehr da wir uns auch untereinander immer besser vernetzen und kommunizieren.

Im Gegenteil sehe ich aber bei den von den Prostitutionsgegner*innen ins Felde geführten ehemaligen Prostituierten immer nur die selben 2-3 Gesichter und was mich besonders stutzig macht ist daß die angeblich so schlimmen Etablissements auch auf persönliche Nachfrage nie genannt werden können. Zu gerne möchte ich da mal ein Wochenende undercover arbeiten um die Bedingungen zu checken – ist es wirklich so viel anders/schlimmer als noch vor 15-20 Jahren als ich damals unterwegs war?

In meinem vorherigen Blogbeitrag (Sexarbeit I) bin ich konkret darauf eingegangen warum Sexarbeit absolut nicht für jeden etwas ist!

 

 

Ihr wollt Verbote?

Auf Verbote hat der Staat keinen Einfluss mehr, dann wir das Recht zum Kontrahent des Opfers.

Da hilft auch kein Schlagwort á la „die Prostituierte geht straffrei aus“ denn all ihr Tun und Wirken rund um ihren Job (für akzeptable Bedingungen beim „kobern“/Kundenaquise einstehen, Austausch/Networking mit anderen Sexarbeitenden, ganz zu schweigen von Etablissements/Salons/Wohnungen um nicht nur im Wald/Hinterhof oder im Auto Sex zu haben) wird ihr fortan als Zuhälterei ausgelegt und sie mit unangemessener Härte treffen.

 

Eine Verschiebung eines sozialen in einen strafrechtlichen Konflikt stellt einen Rückschritt in unserem Rechtssystem dar!

Ende der 1960er Jahre gab es einen Meilenstein in einem Gerichtsurteil des BGH: Es sei nicht Aufgabe des Strafrechts auf geschlechtlichem Gebiet einen moralischen Standpunkt des erwachsenen Bürgers durch zu setzen.

 

 

Wir leben in einer Gesellschaft in der die Frauen mittlerweile wetteifern um die guten Jobs, Ansprüche ans Liebesleben stellen etc.

Das wird Männer aber nicht davon abhalten sich ihre Bedürfnisse bei Prostituierten befriedigen zu lassen, es ist eben nur die Frage wie wir damit umgehen!

 

 

 

Reichtum ist ungerecht –

schaffen wir doch das Geld einfach ab und verbieten es.