Rede zum 1. runden Tisch „ProstitutionSchutzGesetz im Münsterland“ 26.6.2019 Kreishaus Steinfurt

Geladen hatte die Beratungsstelle TAMAR, Träger ist die evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V. (Pfarrerin Birgit Reiche)

Anwesend waren an die 50 Leute, hauptsächlich behördliche Vertreter (Finanzamt, Ordnungsamt, Gesundheitsamt...) sowie ein paar Betreiber*innen, Vermieter*innen und Prostituierte.

 

Hallo!

Ich bin tantrische Domina und Künstlerin.

Ich habe schon etliche Jobs in meinem Leben gehabt, auch ein abgeschlossenes Hochschulstudium gehört dazu. In den Semesterferien habe ich als Großraum-Reinigungskraft gearbeitet, in verschiedenen Fabriken malocht und den ein oder anderen Ausflug ins Rotlicht gemacht. Um ehrlich zu sein war letzteres der bessere studentische (Neben-)Job. Ich habe auch schon mit Kunst meinen Lebensunterhalt verdient und zum Schluss (schließlich hat man ja was „anständiges“ studiert) mich auch lange im Gesundheitswesen herumgeschlagen.

In erster Linie waren es meine Ex-Männer die mir die Tätigkeit im Rotlicht ausgeredet haben. Wie kannst du nur! Die böse und schlimme Prostitution! Jaja...  Eifersucht treibt nun mal unschöne Blüten.

 

Vor fünf Jahren reifte die Idee erneut in mir heran und ich fing an eine Selbstständigkeit aus dem Boden zu stampfen. Webseitenerstellung, wie an geeignete Fotos kommen, wie Werbung machen etc. Ich ging mich in einigen renomierten Studios in NRW umsehen und arbeitete dort um das Geschäft quasi von der Pike auf mit zu bekommen. Fachlich war ich versiert da ich selber Fetischistin bin, aber der Schritt vom Hobbyisten zur Berufstätigen ist in jeder Branche eine Aufgabe für sich.

Damals gab es noch die Möglichkeit im Etablissement zu übernachten (eine sehr unschöne Einschränkung die das neuen ProstSchG da macht!) Mir gehörte quasi das ganze Studio für mich allen. Ein Traum! Wie habe ich die Nächte im roten Salon zwischen Plüsch und Peitschen geliebt! Für ein Hotelzimmer hätte ich nicht das Geld gehabt und zum täglichen pendeln war es dann doch ein wenig zu weit.

 

Mittlerweile habe ich Fuß in meiner Selbstständigkeit gefasst, mir einen Namen gemacht und in meinem heimischen Bielefeld auch feste Räumlichkeiten gefunden. Ich habe mit den gleichen Sachen zu kämpfen wie andere Selbstständige in meinem sozialen Umfeld auch: entweder kommt gar kein Gast/Kunde oder alle auf einmal (Murphys Gesetz oder so), manchmal rufen nur Idioten auf dem Geschäftshandy an etc. Und den ganzen Steuer- und Papierkram muss man ja auch noch irgendwie erledigen.

 

Für mich ist es DIE Möglichkeit überhaupt auf vernünftige Art und Weise Geld zu verdienen. Ich habe eine Autoimmunkrankheit (Hashimoto) und nur noch eingeschränkte Leistungsfähigkeit. Mehr als einen Halbtags-Job würde ich nicht mehr hinbekommen, ganz zu schweigen von meiner Musik! Vernünftige Kulturprojekte ziehen nun mal Zeit und Energie, auch wenn sie einem wieder viel zurück geben.

Desweiteren gibt es da noch den Aspekt der Altersarmut, da ich, ganz typisch Frau, kostenlose Care Arbeit gemacht habe für krebskranke Schwiegereltern, die eigene Mutter... Viele Jahre die ins Land zogen und natürlich nirgendwo angerechnet oder gedankt werden.

Als Sexarbeiterin kann ich mit 70 noch Geld verdienen, es gibt genügend Beispiele dafür in unserer Branche!

 

Mir persönlich kann die Anmeldung nach dem neuen ProstSchG als Sexworkerin egal sein, da ich weder (alleinerziehende) Mutter bin, noch in den Staatsdienst möchte (wie z.B. Jurastudent*innen  oder Pädagogikstudent*innen, die sich gerne das pralle Leben schon jetzt mit dem ein oder anderen Escort Dienst ins Haus holen.)

Wer weiss ob nicht doch das ein oder andere durchsickert und dann die Karriere knickt bevor sie begonnen hat?

In einer Kleinstadt im offenen Großraumbüro der Bürgerberatung wurde es schon mal quer durch den Raum gebrüllt. „Hier ist jemand wegen der Anmeldung zum neuen Prostitutionsschutzgesetz!“ Bingo! Jetzt weiss es jeder!

 

Exakt hier fängt das Problem an denn viele Menschen arbeiten nun in der Illegalität. Sie haben eben keine Lust auf dieses Zwangs-Outing!

Und diese Menschen haben nun ein Problem wenn sie in ihrem Job Schwierigkeiten haben, vielleicht um den Lohn geprellt wurden, Gewalt erfahren etc. Wie sollen sie aus dieser Situation heraus, aus dieser Illegalität jemanden anzeigen können?

 

Dann sind da noch die Menschen die in diesen Job vielleicht mal reinschnuppern wollen. Zum Beispiel meine Musikkollegin die in 2017 dann von mir gut gebrieft ihre ersten Gehversuche in einem Bordell in Süddeutschland machte um überhaupt zu sehen ob das was für sie sein könnte (ja!)

Oder der erwachsene Sohn einer Freundin von mir der dann nach dem Wochenende in Hamburg mit den Worten zurückkehrte „Mama, ich glaube dafür bin ich einfach nicht schwul genug“ :-) Sollen die sich jetzt alle anmelden? Im Vorfeld?

Kein anderer Job muss so was!

Nehmen wir als Beispiel den Journalist – wann ist er denn einer? Darf er sich nicht in einem lokalen Blättchen mal ausprobieren? Macht es einmal Spaß? Mehrmals? Hat er die Energie für einen eigenen Internet-Blog an dem er regelmäßig schreibt? Ab wann fängt die Arbeit an? Bei der Buchveröffentlichung?

Schreiben macht Spass, wenn es zur Arbeit wird ist es ganz schön anstrengend, weiss ich von meinem eigenen Blog. Ab wann kann ich mich beim deutschen Journalisten Verband anmelden? Zum Glück muss ich mich nicht anmelden wenn ich anfange in dem ein oder anderen Blättchen oder Magazin zu schreiben.

 

Ein weiterer FauxPas des ProstSchG ist die Sache mit dem selbstständigen Arbeiten. Ich kann mir nun nicht mehr mit einer Kollegin gemeinsam ein geeignetes Appartement mieten und in gemeinsamer Absprache schalten und walten wie ich will. Ich habe nun dieselben Auflagen zu erfüllen wie irgendwelchen Großbordelle. Das ist absolut nicht händelbar. Oder kennen Sie 60-100qm Wohnungen mit z.B. zwei Badezimmern? Einen Aufenthaltsraum für extra und zum schlafen als gäbe es nicht genug Betten und Liegewiesen! Ein Notrufsystem nach wohin? Warum, denken Sie, haben sich Prostituierte schon immer zusammengeschlossen und gemeinsam gearbeitet?

Um uns gegenseitig zu schützen!

Jetzt können wir in entsprechend teure Etablissements ausweichen oder (ausgerechnet!) an unseren Erstwohnsitz unserer Tätigkeit nachgehen.

Ich halte Heimarbeit generell für keine gute Idee – in dem Bereich ist das ein absolutes No-Go! Wo bleibt denn da bitte der professionelle Abstand, der allen Menschen, die in engem Kontakt mit anderen Menschen arbeiten so ans Herz gelegt wird?! (z.B. Gesundheitswesen)

Kein Schutz, Kein Austausch, keine Supervision, kein Sozialkontakt mit Arbeitskolleg*innen sondern Vereinsamung und Isolierung – exakt das ist dann das, was passiert.

Es gibt zu dem Thema ein grandioses Video von der AIDS Hilfe NRW in dem meine Kollegin Nicole und ich exakt dieses Thema behandeln.

 

Aus diesen Gründen arbeiten jetzt schon viele in der Illegalität die uns das neue Gesetz beschert hat und wir wissen alle daß das die Arbeitsbedingungen verschlechtert! Dazu gibt es zahlreiche Studien z.B. von Amnesty International & Médecins du Monde.

Mehr dazu hier: https://berufsverband-sexarbeit.de/index.php/2018/05/24/une-approche-moralisatrice-das-neu e-gesetz-zur-unterdrueckung-der-sexarbeit-in-frankreich/

 

Freierbestrafung hört sich für Außenstehende so „sinnvoll“ an, endlich wird diesen moralisch verwerflich „Perversen“ das Handwerk gelegt.

Verschwiegen wird dabei gerne daß die Leidtragenden dieser Maßnahme die Sexarbeiter*innen sind. Denn auch deren Arbeit wird an vielen Punkten als „Zuhälterei“ gewertet und entsprechend unter Strafe gestellt. Gegenseitig Tips und Unterstützung geben? Zuhälterei! Sich gegenseitig schützen und covern? Zuhälterei! Eine gemeinsame Wohnung zum arbeiten teilen? Zuhälterei! Und zwar alle untereinander.

Selbst private Wohnungen werden gekündigt weil der private Vermieter Angst hat der Zuhälterei bezichtigt zu werden, egal ob nun die Sexarbeiter*in in ihrer Wohnung überhaupt gearbeitet hat.

Ist der Ehemann klamm oder die studierende Tochter braucht eine Finanzspritze wegen Studiengebühren von Mama sind sie auch im Verdacht der Zuhälterei da es ja Dritte sind die von dem Geld profitieren.

Kinder, die (alleinerziehenden) Müttern weggenommen werden da sie ja einer illegalen und verwerflichen Tätigkeit nachgehen etc.

 

Ich habe auch noch viel über Arbeit geredet, über meine meist polnischen Nachbarinnen die sich die anderen Wohnungen in meinem Etablissement anmieten. Frauen, die mit dem Flixbus o.ä. hier nach Deutschland fahren von denen auch nie jemand außenstehendes mitbekommen würde zu welchem Zweck die Reise dient. Man fährt von Polen aus nun mal nach Deutschland um zu arbeiten, das ist ganz normal! Es gibt eine polnische Zeitschrift mit dem Namen „Arbeiten in Deutschland“ wo alle Jobs drinstehen, vom Erdbeerpflücken über Reinigungskraft, Pflege, Bauarbeit, Schlachthof und eben auch die Puffs. Und meine Nachbarinnen haben nunmal keine  Lust sich für einen Hungerlohn von 20-30 € kaputt zu schuften sondern wollen sich lieber im Strapshalter auf der Chaise lounge rumräkeln und so vielleicht 50-100 € pro Tag verdienen.

Ich bin kurz davor mich entgegen meiner Neigungen mal ein Wochenende in einem dieser üblichen Etablissements zum arbeiten einzutragen. Einfach um das aktuelle Arbeitsklima mal einzufangen und einen Blog-Bericht darüber zu schreiben.

Ja Arbeit, es geht um Arbeit und es sind eben nicht so viele privilegiert wie wir hier im Saal, die z.T lang studiert haben und in Jobs sind in denen sie sich verwirklichen können. Jemand von den hier Anwesenden schon mal Fabrikarbeit gemacht?

Ich werde oft als Ausnahme angesehen, die Ausnahme sind aber Menschenhandelsopfer. Die breite Masse von uns arbeitet weil sie arbeiten will.

In exakt diesem Job und aus den verschiedensten Gründen, meistens sind es ökonomische, aber das sollte bei dem Begriff „Arbeit“ ja auch nicht verwundern! Und ja, jemand der sich politisch so sehr aus dem Fenster lehnt wie ich, das ist auch eine Ausnahme.

 

Prostitutionsgegner verunglimpfen Sexworkervereinigungen wie unseren BesD ( https://www.berufsverband-sexarbeit.de ) und auch Beratungsstellen wie Tamar als Zuhälter- und Menschenhändlerlobby da wir uns für die Rechte und den Schutz für Sexarbeiter*innen stark machen.

Prostitutionsgegner wollen die moralische Keule schwingen da sie andere Auffassungen haben. Aber wir haben hier ja kein Moralstrafrecht in dieser Republik und Stilblüten wie Prostitutionsverbote schützen niemanden sondern treiben die Sache lediglich in die Illegalität ab.

Zum moralischen Aspekt gibt es eine sehr interessante aktuelle Dissertation im Fachbereich katholischer Theologie, Moraltheologie von B. Bowald. Ein sehr ausführliches geisteswissenschaftliches Werk.

Auch sie kommt, allen moralischen Bedenken zum Trotz, zu dem Ergebnis daß Verbote und weitere Stigmatisierungen in dem Bereich absolut nichts bringen sondern im Gegenteil die vulnerablen und schwachen Vertretet*innen unseres Berufszweiges damit noch weiter in Ausbeutung und Abhängigkeit getrieben werden.

Dazu gibt es hier in meinem Blog eine Rezension sowie Zusammenfassung.

 

Prostitution ist ein Teil unserer auf Lohnarbeit fußenden Gesellschaft und sie wird es so lange geben wie damit jemand Geld verdienen kann. Selbst wenn es irgendwann so sein sollte daß wir in einer Gesellschaft leben indem Geld keine Rolle mehr spielt, so bleibt doch die Aufmerksamkeit und Wertschätzung für das Besondere. Oder wie war das mit den Blumen- und Pralinégeschenken?

Die Bonobos, eine der wenigen Primaten die wie wir Sex aus „Spass an der Freud“ machen und nicht nur aus Arterhaltungs-Trieb, kennen das auch. Wer Sex möchte lockt gerne und erfolgreich mit dem sehr raren und begehrten Zuckerrohr  – Männchen wie Weibchen übrigens!