Schon lange regt es mich auf, dieses ewige Prostitutions- und Prostituierten-Bashing. Diese elenden ständigen Fehlinformationen und gerade diese „super“ Serie auf Kabel 1 „Rotlichtreport Deutschland“. Hauptsächlich aus der Sicht von Straßenprostituierten. Hey, ich geh doch auch nicht hin und beleuchte die Musiker Szene Deutschlands anhand der Straßenmusikanten inclusive den armen Gestalten, die aus Osteuropa zu uns kommen mit der Schlussfolgerung daß das alles eh nichts bringt mit der Mukke und man auch nicht reich dabei wird. (Na gut, letzteres stimmt schon, wenn man nicht gerade Rammstein oder Helene Fischer heisst bzw. eine gut gemanagte Top 40 Band hat die vor immer wieder gleichem langweiligen und betrunkenen Publikum in irgendwelchen öden Bierzelten, Silberhochzeiten, Stadtfesten ihrem Job nachgeht. Wer sich für die elende Ödnis dieses Jobs interessiert dem lege ich den authentischen Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ von Heinz Strunk ans Herz, tolles Buch!)

 

Zurück zum Thema: „Prostitution ist ein Job wie jeder andere auch“ sagen viele Befürworter, oft auch Kunden. Und nein, so stimmt das nicht! Prostitution ist ein energetisch sehr anspruchsvoller Job! (Die Tantriker und ähnliche Feingeister werden mir da Recht geben) Und es ist bestimmt kein Job für jeden.

 

Zum einen mal die Sache mit dem Sex: nach neuesten Studien hat ein durchschnittlicher Mitteleuropäer*in ca. 5-10 Sexualkontakte in seinem Leben (sic!) (Quelle ein Bericht des Uni Funks/Campus Radio Bielefeld im November 2018, die sich auf wissenschaftlich fundierte Studien stützten).

Nun stelle sich solch ein jemand, der ja Sex als etwas sehr seltenes und besonderes erlebt, mal vor, er oder sie müsse nun täglich, oder gar noch mehrmals täglich, und überhaupt.... O.o da geht ein ganz großen Kopfkino an mit einem blinkenden „P“ für Panik bei einem solchen Menschen – verständlich.

Aber genau da heißt es über den Tellerrand hinweg zu schauen! Was für mich „normal“ ist, ist es für den anderen noch lange nicht.

Wie war das mit der toleranten und weltoffenen, bunten Welt die wir uns kreieren wollten?!

Und nein, Männer sind nicht per se einfach so Schweine. (Auch wenn viele von ihnen auf ziemlichen Schweinkram stehen, Frauen übrigens auch ;-) )

 

Der Job: du hast keinen oder nur selten bzw. in ganz besonderen Situationen/Momenten Bock auf Sex? Du fühlst dich als Opfer? Du findest Männer zumindest in dieser Form einfach nur ekelig und abstoßend?

Warum um alles in der Welt machst du das dann? Du findest nichts anderes? Glaub ich nicht. Fabrikarbeit, Gesundheitswesen und wie die ganzen „schönen“ Alternativen der Gesellschaft lauten für Menschen ohne bzw. mit den falschen Bildungsabschlüssen helfen auch beim überleben. Geht auch, kostet dich (fast) täglich 8 Stunden. Findest du nicht schön? Ich auch nicht. Hab ich aber auch ewige Jahre gemacht. Weil man mir ja eingeredet hat als Escort bzw Domina sein Geld zu verdienen sei ja so dermaßen schlecht und verwerflich. Tja, genau anders herum. Egal, muss jeder selbst wissen.

 

Sexarbeit: wenn es nicht dein Ding ist und du keinen Hang zur Promiskuität hast ist es auch nicht das richtige. Du kannst ja auch als Bewegungs-Legastheniker schlecht Fitness-Trainer werden. Macht genau so wenig Sinn. Weder für dich noch für deine Kunden. Ist dann einfach nur kacke!

 

Massage ist auch solch ein körperlich intensiver Job. Wenn du mit Menschen in Unterhose auf der Matte vor dir nichts anfangen kannst, dich vielleicht sogar ekelst auch wenn sie frisch geduscht sind, hat jeder Verständnis für. Geht aber keiner hin und sagt igitt-und-bäh nackiges Fleisch, wie kann man nur.

Stecken wir da nicht vielleicht noch ein wenig in der Prüderie der letzten Jahrhunderte fest? Trotz Aufklärung? Trotz der Hippie Bewegung der 1960er 70er Jahre? Trotz der Aufbruchs- und Befreiungsstimmung der vorletzten Jahrhundertwende? (FKK Bewegung & co)

 

Ich sehe mich zu einem großen Teil als Masseurin. Das kommt zum einen Teil durch meine Tantrische- und Yoga-Ausbildung. Zum anderen Teil sind es die sehr besonderen Praktiken die ich als Domina an meinen Klienten ausführe, die auch nur mit meiner Fachkenntnis gerade den Grad an Reiz bzw. Schmerz zufügen der nicht in direkte Körperverletzung abdriftet. Brutal prügeln kann jeder, gezielten Lustschmerz herauskitzeln sodaß Endorphine und Adrenaline den Körper meines Gegenüber durchströmen in Kombination mit sexueller Lust – das ist ein Kunststück das die wenigsten beherrschen und ja, ich bin da ziemlich stolz drauf. Meine immer wieder kehrenden Stammgäste bestätigen dies ja!

Zu diesen Massage- und Anwendungsfähigkeiten paart sich noch ein guter Teil des Rollenspiels, hey war dann wohl doch gut daß ich mich während meiner Studienzeit der Theaterpädagogik ausgiebig gewidmet habe! ;-)

Da haben wir also die Massage mit dem Rollenspiel – also der großartige Ostheopath zu dem ich regelmäßig wegen Gesundheit und Wellness gehe macht im Grunde genommen auch nichts anderes, nur eben auf seinem Fachgebiet! Und auch er wird den ein oder anderen Tag mal keinen Bock auf seinen Job haben sondern lieber die Füße hochlegen und seinem Unmut über was auch immer freien Lauf lassen. Tut er aber nicht, zumindest nicht solange noch Klienten in seiner Praxis hat. Sowas lässt man dann am (Feier-)Abend woanders.

Und das gibt es eben auch in der Sexarbeit. Was tust du in der Sexarbeit? Welchen Service bietest du an? Und nein, es macht nicht jeder alles und man sollte sich auch überlegen zu was man auch bereit ist wenn man nicht gerade „spitz wie Nachbars Lumpi“ ist. Heute keinen Bock aber ein ganz cooler und zahlungswilliger Gast? Wenn das Benutzen von Gleitcreme und einer Menge „Ooohh, ahhh, jaaa, du bist ja soooo super!“ deine Grenzen überschreitet dann solltest du entweder an diesem Tag nicht oder überhaupt gar nicht in diesem Gewerbe arbeiten! Oder glaubst du der Fitnesstrainer hat jeden Tag Bock mit seiner Meute die Langhanteln zu schwingen? Und doch heisst es immer wieder mit Lächeln im Gesicht „Auf geht’s, jetzt kommen die nächsten acht Singels in Kombination mit xyz“. Und er macht euch damit alle fit und und glücklich und ist hinterher wahrscheinlich dann auch froh, daß er es trotzdem gut durchgezogen hat. Und je nach Klientel steigt auch die Laune eines Diensleisters wieder. Egal was für eine Dienstleistung. Frag sie! Nicht als Dienstleister in ihrer Funktion als Frisöre oder Coaches sondern privat nach Feierabend!

 

Eine Sache ist mir bei dieser unsäglichen TV Reportage noch aufgefallen:

eine (sehr) junge (deutsche?) Frau die davon sprach, daß ihr Leben jetzt ja ziemlich doof wäre, alle Freunde weg weil sie wüsste ja gar nicht mehr worüber sie sich unterhalten sollte mit denen...

Also ich habe auch eine Handvoll Freunde und wir unterhalten uns über alles mögliche, aber nicht wirklich über unsere Jobs! Vielleicht mal im Randgebiet, Rubrik heute war es schön, doof, stressig, überraschend... Wir haben ja aus ganz anderen Gründen als Freunde zusammengefunden!

Trotz allem spricht sie damit ein nicht unerhebliches Problem an.

Auch ich schaue häufig neidisch nach Berlin mit den ganzen tollen Treffs, Veranstaltungen, Workshops von Hydra e.V., dem Bundesverband der Sexworker*innen (BesD e.V.) aus meinem kleine bescheidenen Bielefeld wo ich als Einzelkämpferin unterwegs bin.

Was fehlt sind Austauschmöglichkeiten, die „Puff-Küche“ sozusagen. Niederschwellige Angebote und offene Treffs. Rückzugsmöglichkeiten für Frauen, Weiterbildung etc. Denn da sind wir weiterhin auf uns allein gestellt bzw gegenseitig angewiesen, (sofern wir denn taffe Kolleg*innen haben).

Ansprechpartner gibt es wenige und die wenigsten wüssten wohl wo man jemanden findet, leider.

Und die klassische Variante, ich miete mir ein schnuckeliges Appartement und schaue daß ein oder zwei Frauen noch da sind, daß wir uns gegenseitig haben, daß ich als ältere die ein oder andere jüngere anlernen könnte (jaja, da spricht die studierte Pädagogin aus mir, ich gebs zu) hat uns ja das neue Gesetz kaputt gemacht. Ich darf jetzt entweder ganz alleine vor mich hin sauern oder darf die gleichen Bedingungen wie irgendwelche Groß-Puffs oder Sauna Clubs erfüllen! Und wehe ich habe einmal privaten weiblichen Besuch auf der Arbeit und das bekommt jemand mit!

 

Das ist es also, das neue Prostituierten Schutz Gesetz, was uns Prostituierte genauso schützt wie die Sonne die Sonnencreme...

 

P.S. Ich habe übrigens während meiner Studienzeit auch immer mal wieder Straßenmusik gemacht. Das ist hin und wieder und nebenbei, wenn man nicht von leben muss, bei gutem Wetter auch ganz ok. Mehr aber auch nicht und gewiss keine Zukunftsperspektive für die Ewigkeit!