Das unmoralische Andere – Eine Geschichte zur Prostitution und Auswege einer festgefahrenen Debatte. Thomas Schröter, Stuttgart 2019

 

Noch eine Rezension in diesem Blog? Ja, da ich in diesem Buch über äußerst seltene und interessante Fakten gerade im historischen Kontext gestolpert bin.

 

Migration ist und war zu allen Zeiten ein maßgeblicher Aspekt der Sexarbeit und ist natürlich den vielen Entwicklungen unterworfen die das Reisen generell durchgemacht hat. Um 800 wurde es z.B. schon von St. Bonifatius vermerkt. Legendär sind die sog. „HurdyGurdyGirls“ die in der Goldgräberstimmung um 1850 von Europa nach Amerika reisten, den Jungs die Köpfe verdrehten und mit Taschen voll Geld wieder zurück kehrten. Ob sie Sexarbeit betrieben oder sich einfach nur ihre Zeit mit dem Spielen der Hurdy-Gurdy entlohnen ließen (Drehleier, ein historischen Saiteninstrument) ist wohl fakultativ.

Generell ist die Grenze zwischen wandernden Gesellinnen und (Gelegenheits)prostituierten auch nicht trennscharf zu ziehen. Die Dirnen des Mittelalters galten generell als arbeitswillige junge reisende Frauen. Sie verdingten sich als Mägde, Dienstboten und manchmal auch in der Prostitution.  Auch im Zeitalter der Industrialisierung mit der Stadtflucht der (verarmten) Dorfbevölkerung waren die Grenzen fließend. Manch eine ging anschaffen da der Lohn der Fabrik einfach nicht reichte. August Bebel kritisierte niedrige Frauenlöhne als Ursache für Prostitution.

Der Vogt von St. Pauli vermerkt 1847 daß die meisten Mädchen kommen weil sie nicht arbeiten wollen, manche wegen der Wollust. St. Pauli führte die sog. Freizügigkeit 1867 ein, 1927 werden die daraus resultierenden positiven Veränderungen für die Sexarbeiterinnen vermerkt.

 

In dieser Arbeit geht es um den Aspekt der Jugend bzw. Postpubertät (kann bis ins 30. Lebensjahrzehnt hineinreichen) als (mentaler) Einstieg in die Sexarbeit.

Der Autor spricht von Sexarbeit und meint in erster Linie Frauen, die dieser Arbeit nachgehen. Prostitution ist ein nicht weg zu diskutierender Teil unserer auf Geldwirtschaft fußenden Kultur, egal welche Restriktionen zwischenzeitlich mal gegolten haben.

Die seit den 1970er Jahren existierende Hurenbewegung ist ein Teil der Jugend- und Frauenbewegung, auch wenn letztere ihnen z.T. feindlich gesinnt ist.

Das Militär ist ebenso wie die Prostitution als Raum für „das ernste Spiel“ zu sehen (Pierre Bordieu) und im Bereich der (Post-)pubertären Lebenszeit zu verorten. Sexarbeit und Militär sind in ihrer 5000 Jahre andauernden Geschichte eng aneinander geknüpft und die Beteiligten waren immer beides: „Objekte der jeweiligen Verhältnisse und Subjekte die in eigener Art und Weise auf die gesellschaftlichen Veränderungen Einfluss nahmen.“ (S.62)

Bis zur Zeit der Aufklärung war das Militär im übrigen ein Raum in dem sich auch viele Frauen aufhielten. Die sogenannten Trossweiber waren z.T Köchinnen und Gehilfen, zu einem anderen Teil aber auch Prostituierte die die langen Märsche des Militärs begleitet haben.

 

Der Abolitionistische Ansatz gilt für den Autor nicht, da es sich dabei schlichtweg um eine Verharmlosung der Sklaverei handelt. Lohnarbeit z.B. in einer Niedriglohnfabrik kann auch nach Sklaverei aussehen, jedoch die eigene Initiative in die Zielländer einzureisen sowie der Austausch Arbeitskraft gegen Geld sind maßgebliche Unterschiede von der Sklaverei zur Arbeit.

 

Im Verlauf dieser Arbeit wird auch noch auf viele Stellen hingewiesen, wo diese Prostitutionsgegner*innen willentlich mit falschen Fakten jonglieren um ihrem moralischen Anspruch genüge zu tun. „ Es ist überdies erstaunlich, wie wenig Behauptungen nachgewiesen wurden die im Zusammenhang mit migrantischer Sexarbeit veröffentlicht werden.“ (S.120)

Darüber hinaus: „Die Auseinandersetzung mit der migrantischen Sexarbeit wird von vielen Abolitionist*innen mit einem latenten, aber dennoch kaum zu übersehenden Rassismus geführt.“ (S.117)

 

Auch zur Ehe gibt es ein eigenes Kapitel, da: „Die zunehmende, fast symbolhafte Zuweisung der Opferrolle an die Frauen in der Sexarbeit, lenkt ab von der Gewalt gegen Frauen, mit der sie in dieser Gesellschaft allgegenwärtig konfrontiert sind, ab. „So werden andere patriarchale Strukturen, wie sie z.B. in der Institution Ehe angelegt sind, zu einer wenig hinterfragten Normalität.“ (S.140) Vor allem gilt es aus den Fehlern zu lernen: rechtliche Verbesserungen der Frauen in der Ehe haben die Lage für ebendiese verbessert – würde eine rechtliche Stärkung der Sexarbeiter*innen nicht auch ebendiese stärken?!

 

Der historische Blick reicht bis zu den mesopotamischen Initiationsriten, die im Gilgamesch Epos erwähnt sind. Interessanterweise ist damals noch der Frau die Kultur und dem Mann die Natur als Eigenart zugewiesen worden, im Gegensatz zur modernerer Zeit. Ganz klar ist aber daß die (urbane) Prostitution jüngeren Datums ist als z.B. Töpferei. Sie steht in enger Verbindung zum damals entstehenden Patriarchat und Geldwirtschaft.

Der Blick auf Kult- bzw. Tempelprostitution ist allerdings ein durch die Brille von weißen Kolonialherren verzerrter und nicht als Vorläufer der heutigen Prostitution zu sehen.

 

Kirche und Moral spielten natürlich auch immer eine besondere Rolle wenn es darum ging Frauen und Prostituierte zu beurteilen.

Während des Mittelalters, als Frauen generell noch in Handel und Zünften zu finden waren ging es auch den Sexarbeiter*innen besser. Es gab für die oft wandernden Gesellinnen Frauenhäuser (also Puffs, nicht die Frauenhäuser unserer heutigen Zeit) in denen Sie ihrer Tätigkeit nachgehen konnten.

 

Die Reformation nun setzte ganz neue Maßsstäbe. Dirne (die wandernde Gesellin) und Hure (das Schimpfwort für die Ehebrecherin) waren nun beides abwertende Begriffe für Frauen die der Sexarbeit nachgingen.

Martin Luther setzte Prostituierte mit Dieben und Mördern gleich und forderte sogar die Todesstrafe. Er machte sie auch für die Verbreitung der Syphilis verantwortlich da sie ja aus Geldgier mit Juden. Leprösen u.a. verkehrten.

Auch die Schließung der Frauenhäuser fällt in diese Zeit – Prostituierte gingen fortan nun vor den Toren der Stadt ihrer Arbeit nach – die Geburtsstunde der Sperrbezirke. So in die Illegalität getrieben verschlechterten sich die Bedingungen für die Sexarbeiter*innen maßgeblich.

Auch die „ehrbaren“ Frauen wurden zurecht gewiesen. Fortan galt „Kinder, Küche, Kirche“, die selbstständigen Frauen in Handel und Gewerken des Mittelalters waren nun Vergangenheit.

 

Da in heutiger Zeit mehr Frauen sozial und ökonomisch unabhängig sind steigt im übrigen auch die Zahl der weiblichen Kundinnen kontinuierlich an. Ob das nun der gekaufte Lover im Urlaub ist oder der Tantramasseur nach einem anstrengenden Bürotag. Gesellschaftliche Veränderungen verändern auch immer die Sexarbeit.

 

Die Geschichte der Prostitution hat uns eines gezeigt: „Je unabhängiger und selbstbewusster sich die Frau generell in einer Gesellschaft bewegen bewegen und betätigen konnte, desto größer war auch die gesellschaftliche Integration der Prostitution und der gesellschaftliche Spielraum der Prostituierten.“ (S.86)

Auch der Schutz der Prostituierten erhöht sich mit deren Anerkennung und Stärkung ihrer Rechte.

 

Der Autor spricht sich im Epilog für eine Stärkung der Sexarbeiter*innen z.B. in Form einer Gewerkschaft aus. „Die Ermächtigung derjenigen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, ist dabei eine zentrale Forderung. Eine solche Ermächtigung würde das Patriarchat wesentlich stärker unter Druck setzen als restriktive Maßnahmen die Sexarbeiter*innen betreffen.“ (162)

Noch viele andere historische Schmankerln sind in diesem Buch angegeben, auch aktuelle Studien und Dissertationen werden vorgestellt.

Ein ausführliches und gut recherchiertes Literaturverzeichnis zur weiteren Information rundet das Ganze perfekt ab.

Hier folgt jetzt eine ausführliche Zusammenfassung:

 

***************************************************************

 

 

Vorwort

2500 Wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Prostitution in den letzten 35 Jahren (Quelle soz.wiss. Internetportal sowiport) (7)

In dieser Arbeit Aspekt Jugend und Einstieg in die Sexarbeit/Jugendforschung (7)

Sexarbeit nicht per Zwangssprostitution, Menschenhandel oder Vergewaltigung - „...da diese Gleichsetzung eine Verharmlosung der Sklaverei darstellt.“ (8)

nach P. Bordieu (2005) Militär und Sexarbeit als Räume für das „ernste Spiel“ des männlichen oder weiblichen Habitus, was aber nicht für die einzelne Sexarbeiterin gelten muss, eher ein gesellschaftlicher Diskurs (9)

 - die Sexarbeiterin als Teil des weiblichen Anderen der Gesellschaft – die Stabilität unserer Gesellschaft basierend auf Ausgrenzung von „Anderen“ (nicht unbedingt „Fremden“) (9)

Widersprüchlichkeit in Machtverhältnissen von Sexarbeiterinnen verweist auf andere Machtfaktoren wie z.B. arm& reich, deutsch& migrantisch, jugendlich& erwachsen (9)

herrschende Meinung geprägt von Diskriminierung → entweder Opfer oder sündige Menschen (12)

Begriffe Prostitution in dieser Arbeit nur wenn sich Menschen entehrt fühlen, sonst Begriff Sexarbeit hier und wesentlich die Sexarbeit von Frauen (13)

 

Spekulationen über Sexarbeit

hauptsächlich Ursachen der Sexarbeit in biologischen und rollentheoretischen Überlegungen („Sündenbock“, Schutzwall der ehrbaren Frauen) und spiegelt somit die patriarchal, gesellschaftliche Konstruktion des Frauenbildes wieder (17)

auch andere Definitionen über Sexarbeit beschreiben sie eher passiv: „Gewährung“, „Preisgabe des Körpers“, inaktive „Hergabe“, demgegenüber z.B. Wikipedia „Vornahme sexueller Handlungen gegen Entgelt“ (18)

 

Das Besondere an der Sexarbeit

hier nur im Sinne von direkter, persönlicher Dienstleistung gegen Entgelt das zum Lebensunterhalt dient (19)

Arbeit ist immer einer Vielzahl von hierarchischen Zusammenhängen unterworfen z.B. auch Ethnizität und Alter bei der jungen Migrantin (19)

Trennung von Körper und Leib(lichkeit) um Handlungsmächtigkeit zu erlangen, da sie ja arbeitet und nicht Triebgesteuert ist (20)

Geld spielt eine entscheidende Rolle, nicht nur in prekären Lebensverhältnissen  - Lilly Linders „Splitterfasernackt“ wird herangezogen und „Entfremdung der Geschlechtlichkeit (21)

 - diese Behauptung der „Lustlosigkeit“ an der Arbeit incl. der Ausnahmen (Emma Steel) zementiert die Stigmatisierung & Opferrolle (22)

von Abolitionistinnen werden Behauptungen publiziert die Rassismus, Sexismus und Altersdiskriminierung beinhalten „...verschiedene Lebenswelten von Sexarbeiterinnen werden einfach ausgeblendet.“ (23)

unbelegte statistische Aussagen instrumentalisieren z.B. sexuellen Missbrauch von Kindern (24)

Wenn es um (frühkindliche) Trauma bei Sexarbeitern geht wird in der Literatur immer das Werk von Melissa Farley herangezogen was mittlerweile schlicht widerlegt ist (Prostitution, Trafficking and traumatic Stress) (24)

„Erst mit der Anerkennung der Sexarbeit als Arbeit, die psychologische und körperliche Schwierigkeiten bereiten kann...könnte effektive Hilfe geboten werden.“ (24)

 

Der Mythos der typischen Sexarbeiterin?

Im 19. Jhd. Biologische Antwort, Frau als Verbrecherin und Prostituierte (25)

 - Jugendliche: Prostituierte als Pedant zum männl. Verbrecher (vgl. Lombroso, wurde in den 1930ern von den Nationalsozialisten übernommen) (25)

Infragestellung der bürgerlichen-christl. Moral bei rebellischen Jugendlichen als Protest, bei Sexarbeiterinnen als Verstoß → „Beides sind Teile des Anderen indem sie das Normale in Frage stellen“ (27)

August Bebel schon kritisiert niedrige Frauenlöhne und sieht da die Prostitution gefördert (28)

Studie 1972 von Dorothea Röhr: IQ Wert und Schulausbildung bei Prostituierten im bundesweiten Durchschnitt, Berufsbildung sogar besser (28)

in 1980er Jahren Wunsch nach Selbstständigkeit und ökonomischer Unabhängigkeit von Feministinnen proklamiert (29)

Freud und seine Empfehlungen für den Puffbesuch des jungen Mannes „Einführung in das Geschlechtsleben“ und weiter: „...Aktion, in der die eigene Männlichkeit einhergeht mit der Degradierung der Frau zu einem Objekt“ (31)

 

Das gefährliche Alter

die wenigsten (historischen) Ansätze gehen darauf ein, lediglich Begriffe wie „gefallenes Mädchen“ weisen darauf hin (doppeltes Stigma → gefallener Engel = Dämon) (33)

Bundesministerium für Familie, Frauen, Jugend geht von einem kurzen Lebensabschnitt als Sexarbeitende aus (2014) (33)

die wenigsten jungen Frauen haben Lust dazu, sich erforschen zu lassen. In Talkshows etc oft ältere Sexarbeiterinnen denen dann oft unterstellt wird sie könnten ja gar nicht für das Milieu sprechen (36)

 

Sexarbeit ist nicht gleich Sexarbeit

sondern ein immens vielfältiges Phänomen

im 19. Jhd Zehntausende Prostituierte in den Metropolen (38)

in NewOrleans Puffs für Weiße& Schwarze Seite an Seite (39)

differenzierte Betrachtung der sozialen Situationen von Sexarbeiterinnen satt Projektionsfläche für politisch-moralische Position (40)

 

Erzählungen von Sexarbeit durchziehen die Geschichte

Verbindung zu Patriarchat und Geldwirtschaft ist nicht zu übersehen (Mesopotamien, Ägypten...) (41)

alter Begriff Dirne ursprünglich auch für Dienstmägde, Huren wurden Ehebrecherinnen genannt, Martin Luther führte den Begriff dann auch für Sexarbeiterinnen ein (43)

verschiedene Exkurse zum Gilgameschepos Epos, Lillith etc. → bedrohlich weil weiblich (45)

 

Sexarbeit als Gewerbe

Steinwerkzeuge und Keramiken gibt es länger als (urbane) Prostitution (46)

bei Babyloniern (1800 v.Chr.) wird der Beruf der Sexarbeiterin neben Ärztin, Köchin etc. aufgeführt (47)

Bremer Bordellreglement von 1852 diffamiert das Gewerbe öffentlich und spricht auch wieder von „Mädchen“ (47)

Tätigkeit von Sexarbeiterinnen weiterhin (nach 2002) keine gewerbliche Tätigkeit weil „unwertig“ (früher sittenwidrig) (48)

liberale Gesetzgebungen würden Kinder- und Frauenhandel fördern (im Diskurs) (48)

einerseits fehlt die Anerkennung als Gewerbe, andererseits reale Unterordnung an die allgemein vom Tausch(handel) geprägten Bedingungen → auch so wird stigmatisiert (48)

Dann nochmal Vergleich von Soldaten und Sexarbeiterinnen: gäbe es Verbote wären die einen Söldner noder bewaffnete Banden, die anderen würden den Schutz verlieren den sie als legale Subkultur genießen (49)

 

Postpubertät

Lebensphase die durch Migrationstätigkeit geprägt ist (z.B. Backpacker, Auslandssemester), Ende der Jugend mit Familiengründung bzw. Aufnahme von Berufstätigkeit (50/51)

bei jungen Frauen oft Wechselwirkung von Wandern und Prostitution, auch Dienstbotinnen wanderten und verdienten sich Zubrot mit Sexarbeit (51)

Prostitution und Militär als postpubertäre Subkulturen an denen man Herrschaftsverhältnisse der jeweiligen Gesellschaft (kulturell, sozial, politisch) ablesen kann, leider wenig erforscht (51)

Risikobereitschaft und Wanderung eindeutig Items von Jugendlichkeit (kann auch im 30. Lebensjahr noch so sein) – da bis Mitte 20. Jhd. nur männliche Jugendliche in der Forschung wird Prostitution in der Jugendforschung ausgeklammert(52)

Zahl 400.000 Sexarbeiterinnen in Deutschland (53)

Fußball WM 2006 mit den 40.000 Zwangsprostituierten von denen dann nur 5 auftauchten (54)

Propagandaleute wie Hunt Alternatives Funel die sogar zugeben mit gefälschten Zahlen zu arbeiten um gegen Prostitution zu mobilisieren (55)

dann Zahlen bezügl. Alter von Prostituierten z.B. St.Pauli in den 1920er Jahren, die meisten zwischen 19-25 (33) Jahren alt und die meisten als Durchgangsstadium (55)

 - Ammersberger, Österreich 2014: 2/3 waren jünger als 30 Jahre bei Start in die Sexarbeit (55)

Die meisten Sexarbeiterinnen machen diese Arbeit im postpubertären Lebensalter und beenden es dann auch (57)

Sexarbeiterinnen als Garantieversprechen für den Status Quo der patriarchalen Strukturen einer städtischen Gesellschaft die auf Warenproduktion basiert (58)

(jungen) Sexarbeiterinnen wird ihre Freiwilligkeit oft abgesprochen (58)

Sexarbeit und Soldatenleben sind in ihrer 5.000 Jahre andauernden Existenz eng aneinander geknüpft (sog, Trossweiber, teilweise Köchinnen, teilweise Huren) (59)

Erst seit der Aufklärung Verdrängung der Frauen aus der Armee (jetzt nur noch Korpsgeist) jenseits von Sexualität (59)

Arbeitsteilung und Trennung von Räumlichkeiten nach Geschlechtern auch erst da in Gesellschaft passiert (59)

Diskriminierung der Jugend: „Dabei stellte die Beziehung des jugendlichen Soldaten zur jugendlichen Sexarbeiterin innerhalb der Altersdiskriminierung eine besondere Beziehung dar, die zur Etablierung männliche Herrschaft beiträgt.“ (60)

 - jedoch: „Auch Sexarbeiterinnen und Soldaten waren immer beides: Objekte der jeweiligen Verhältnisse und Subjekte, die in eigener Art und Weise auf die gesellschaftlichen Veränderungen Einfluss nahmen.“ (62)

die patriarchalen urbanen Strukturen der Anfänge der Sexarbeit z.B. in Mesopotamien werden zwar durch andere sozial kulturelle Phänomene über determiniert, sind aber in ihrem Kern als solche erkennbar (63)

heutige Globalisierung und Reisefreiheit macht das Phänomen der migrierenden Sexarbeiterin größer/einfacher (63)

z.B. Finnland: 1,9% der Bevölkerung hatten 2010 einen ausländischen Pass, bei den Sexarbeiterinnen in Helsinki waren es 80% (64)

seit den 1960ern auch für junge Frauen „normal“ zu reisen und nicht mehr anrüchig (64)

 

Die unmoralische Andere

Kultprostitution ist nicht als Vorläufer der gewerblichen Prostitution zu sehen, dies ist lediglich der Blick von Kolonialherren (67)

z.B. indische Devadesi als gut bezahlte Konkubine, Künstlerin und Tempelangestellte mit wohl erfüllenderem Leben als die „geretteten“ Ehefrauen in ihrer Abhängigkeit und Unterdrückung (erstere freie Verfügung über Lohn) (68)

Verbindung von Tanz und Sexarbeit nicht unbedingt im alten Griechenland strikt getrennt

Im amerikanischen Goldrausch um 1850 Hurdy Gurdy Girls (Drehleierspielerinnen) aus Europa die den Jungs in Kalifornien die Köpfe verdrehten und reich und freizügig wieder nach Deutschland zurück kehrten (69)

immer wieder der Hinweis dass „...die Sexarbeit eine gesellschaftsstabilisierende Wirkung für das Patriarchat hat.“ (70)

 

Sexarbeit als Gesellschaftsstabilisator

z.B. das städtische Bordell im antiken Griechenland um 500 v.Chr. Weist auf die Bedeutung hin (71)

Bordell: Einrichtung zur Befriedung der männlichen Jugend → oft behauptet aber nie bewiesen! „Aber für die Herrschaftssicherung ist diese Zuschreibung, ungeachtet ihres Wahrheitsgehaltes, bis heute aufrechtzuerhalten.“ (71)

Für die Frauen boten solche Etablissements Schutz gegenüber der Straßenprostitution

im alten Rom gang und gäbe solche Häuser gerade auch für junge Männer – durfte die Einführung in die Sexualität nicht von „ehrbaren“ Frauen vorgenommen werden? (72)

 

Jung und schön

künstlerische Darstellungen der Venusdienerinnen von der Antike bis heute immer jung& Schön (72ff)

 

Prostitution und Kontrolle der Sexualität

seit Christentum Kontrolle, Ehe als heilig, alles andere diskreditiert (74)

Sexarbeiterinnen kamen jetzt ganz unten in der Gesellschaft an (74)

Herzog Alba (80jähriger Krieg um 1600)setzte (vergeblich?) 1200 Dirnen ein um die Frauen und Mädchen der Niederlande gegen die Soldaten zu schützen (75)

ab 13. Jhd. Städtische Bordelle um nicht verheiratete Männer zu befrieden, Durchschnittsalter der Dirnen 17, viele fingen mit 15 an (75)

die Kurtisanen des Mittelalters lebten größtenteils luxuriös, z.B. die „Damen von Venedig“, was jeder wusste und richtig fand (77)

die „Mittelschicht“ waren Sexarbeiterinnen die oft in sog. Frauenhäusern arbeiteten, da sie ja „fahrend Volk“ waren, sie waren auf Hochzeiten oft als besondere Gäste geladen (78)

Gewalt seitens der Frauenhauswirte wurde nicht geahndet, Anklagen von Dirnen wegen Vergewaltigung wurden zugelassen (79)

Dirnen wurden bis ins Hochmittelalter geduldet als gesellschaftliche Kompensation, Sex war schmutzig und verwerflich – so fand das ganze ein Ventil (z.B. Thomas von Aquin) (80)

 

Sexarbeit und Reformation

Bedingungen für Sexarbeit wurden verschlechtert da in die Illegalität getrieben

 - Verbreitung der Syphilis wurde dafür z.B. instrumentalisiert (83)

da Dirnen ja aus Geldgier mit Juden, Leprösen u.a. verkehrten (Luther!) (84)

Luthers Gleichsetzung der Huren mit Dieben und Mördern hatte bis ins 20. Jhd. Bestand, er forderte sogar Todesstrafe für diese (85)

„Die Schließung der Frauenhäuser und die Verdrängung der „Dirnen“ vor die Stadttore schaffte jedoch nicht die Prostitution ab, sondern legte einen Grundstein zur Isolierung der Frauen, verhärtetet die Sicht auf sie als die Anderen und veränderte die Vorläufer der heutigen örtlichen Einschränkung der Sexarbeit.“ (85)

Status von Prostituierten, Sexualideologie und gesellschaftlicher Stellung der Frau sind eng miteinander verbunden. „Je unabhängiger und selbstbewusster sich die Frau generell in einer Gesellschaft bewegen und betätigen konnte, desto größer war auch die gesellschaftliche Integration der Prostitution und der gesellschaftliche Spielraum der Prostituierten.“ (86)

 - vgl. das Mittelalter, als Frauen noch in Zünften und Handel zu finden waren, erst seit Reformation Kinder, Küche, Kirche und ausgeprägte Lustfeindlichkeit (87)

die restriktivste Prostitutionsgesetzgebung ist in (europäischen) Länder zu finden die feste Partnerschaften (auch homosexuelle) als einzig akzeptable Lebensform proklamieren (87)

 

Umbrüche im 18. Jahrhundert

Rousseaus „Emilie“ → Unterordnung als Hausfrau und Mutter unter den Mann wird aus Natur und Geschlechtlichkeit abgeleitet → sittsam und Tugendhaft, um den Zeitgeist zu beschreiben (88)

Stadtflucht der (verarmten) Landjugend die nicht als Mägde arbeiten wollten oder wo das Geld nicht reichte, meist zwischen 16-25 Jahren, Gelegenheitsprostitution entwickelt sich (89)

 - auch heute noch üblich z.B. Frankreich 2008: 40.000 Studentinnen lt. Spiegel (90)

in Spitälern wurden diese „Mädchen“ streng überwacht, aus der Zeit stammt auch der Begriff „gefallenes Mädchen“ (91)

zu dieser Zeit weitere sich die universitäre Medizin aus, Berliner Bordellreglement mit Zwangsuntersuchungen (ab 1700) in Hamburg seit 1806 - Prostituierte sind nicht mehr „nur“ das „Andere“ sondern jetzt als Norm-abweichend pathologisiert (93)

Begriff „Sexualität“ seit 1820 erstmals bei einem Botaniker verwendet, vorher sprach man von konkreten Vorgängen. Ähnlich wie bei dem Begriff „Jugendliche“, vorher gab es Begriffe wie Bauernbursche, Novizinnen etc. (93)

 

Kirche und Abolitionismus

Säkularisierung/Zeit der Aufklärung → Kirche verlor an Macht und musste Position in puncto Moral verteidigen. „Fanny Hill“ wurde verboten und Sexarbeit bekämpft. Frauen, die auch schon gegen die Sklaverei gekämpft hatten (Josephine Butler) und auch in Einrichtungen für arme Sexarbeiterinnen gearbeitet hatten engagierten sich mit den gleichen Mitteln wie bei der Sklaverei. (Begriff: weiße Versklavte) (95)

 - natürlich verkürzte Sichtweise, daher hier Definition: auch andere Formen der Ausbeutung z.B. Niedriglohnfabrik können danach aussehen, sind es aber nicht (96)

„Sklav*innen sind nicht aufgrund eigener Initiative und selbstbestimmt in die Zielländer eingereist, wie es die meisten der Sexarbeiter*innen heute tun...Auch gibt es in der Sklaverei keine Entlohnung, denn gerade der Austausch von zeitlich begrenzter ... Arbeitskraft gegen Geld unterscheidet die Lohnarbeit von der Sklavenarbeit.“ (96f)

„Die Aberkennung dieser Selbstständigkeit trägt wesentlich zur Viktimisierung und Infantilisierung der Sexarbeiter*innen bei.“ (97)

J. Butlers Kampf um 1870 war lediglich Kontrolle und Unterdrückung von Prostituierten (97)

die „Mädchen“ die mit den Zügen damals in die Großstädte fuhren zu „retten“ (z.B. Bahnhofsmission) scheiterte, sie wollten nicht „gerettet“ werden (98)

Prostituierte, die wollen, schaffen es auch so diesen Beruf aufzugeben (98)

Jugendalter als Krisenalter galt für Jungs, junge Frauen waren „Opfer“, ob soziale Not, polizeiliche Repressionen oder jetzt auch noch durch die Abolitionistinnen (99)

A. Schwartzers (2013) Verharmlosung des Missbrauchs von Kindern = Verharmlosung von Sexarbeit → somit werden Sexarbeiter*innen als unmündige Kinder abgestempelt (99)

Abolitionistinnen von Anfang an eng mit der entstehenden bürgerlichen Frauenbewegung verbunden (100)

 

Von Zicken und Opfern

1971 Kongress von Feministinnen zur Prostitution in NewYork, ungeladenen kamen dann auch Prostituierte „wir verdienen mehr als ihr Zicken“ (100)

Kate Millet war Mitorganisatorin und vertrat die Meinung dass es noch zu früh sein für eine Zusammenführung dieser beiden Gruppen (101)

Begriffe von psychopathisch und minderwertig tauchen auch auf z.B. beim Aboli Vorsitz Anna Pappritz weswegen für Entmündigung und Verwahrung plädiert wurde (102)

Blick auf Opfer geht immer einher mit Kriminalisierung, Freier lediglich unmoralisch (102)

 

Hurenbewegung und Aussteigerinnen

Lyon 1975 Kirchenbesetzung als „Revolution“ gefeiert (103)

jetzt erstmals in der Geschichte als Subjekte wahrgenommen, nicht mehr nur als Opfer oder Teil von Gerichtsakten → Abolis kein Monopol mehr auf diese Geschichte (104)

Risikobereitschaft in Lebensphase Jugend, Identitätsfindung: heilige Mutter oder sündige Hure? (104)

Ausstieg wird durch ökonomische Perspektive erschwert, auch die Diskriminierung in Gesellschaft macht es nicht einfacher (104)

Hurenbewegung ist ein Kind der Frauen- und Jugendbewegung, auch wenn ihnen Teile davon feindlich gesinnt sind (106)

1978 prägt Carol Leigh den Begriff „sexworker“, hier wird die alte Zuordnung, nämlich männlich=Zivilisation & Weiblich=Natur wieder wie bei der Initiation im Gilgameschepos Epos umgekehrt, jetzt aber auf der gesellschaftlichen Ebene und nicht mehr auf individueller, symbolischer Ebene. (106)

 

Sexarbeit und Migration

wurde schon vor 1200 Jahren vom St. Bonifatius vermerkt (107)

seit Beginn 19. Jhd. Stadtflucht und Migration nach Amerika von vielen Frauen (107)

Bezüglich der gog. „Hurdy Gurdy Girls“ schon um 1850 vermerkt dass die Girls freiwillig gehen und  nicht von z.B. Familie an Mädchenhalter verkauft werden, wie auch heute noch in Deutschland bei der überwiegenden Mehrheit der Migrantinnen (108) (Anm. Hurdy Gurdy Girls sind Musikerinnen mit einem Saiteninstrument, sog. Hurdy-Gurdy, auf deutsch Rad- oder Drehleier. Ob sie sich wirklich sexuell betätigten oder lediglich ihre Zeit mit dem Musizieren bezahlen ließen ist fakultativ.)

gelber Schein und Diskriminierung jüdischer Frauen und Sexarbeiterinnen um 1850, auch damals Grenzen zwischen freiwilliger Entscheidung, ökonomischem Druck und Flucht aus bedrückenden Verhältnissen fließend (108ff)

Mitte der 1920er Jahre lief es in Buenos Aires z.B. dermaßen gut dass die Frauen aus Russland, Frankreich etc. Schlange standen für einen Platz in den Casitas (Puffs) (110)

in Europa heutzutage erwartet sie Ablehnung (111)

 

Menschenhandel in postkolonialen Zeiten

Beispiel Schuldenberg und Voodoo Zauber bei Afrikanerinnen: „Ich möchte an dieser Stelle exemplarisch darauf eingehen, um deutlich zu machen, wie sich diese Prostitution von Sexarbeit unterscheidet.“ (111)

Postkolonialisierung, Historie in Sklavenhandel, seit 1980er immer mehr Menschen aus Afrika in Europa, seitdem „Festung Europa“ und fast unmöglich einfach so einzureisen (Visum) → ergo: hohe Kosten für Schlesuer die auch vor Voodoo Märchen nicht zurückschrecken (113)

und: Opfer von Menschenhandel, die gegen Täter aussagen (würden) werden auch abgeschoben (114)

 

Abenteuerlust, jugendliches Risikoverhalten und Sexarbeit

2007 gab es Beschwerden über Bagpacker Touristinnen in Australien die legalen Bordellen die Einnahmen schmälern (115)

ökonomischer Zwang? Gucci Täschchen oder zurück in den Stall nach Bulgarien – wo ist der Zwang? (Zitiert nach Informationszentrum 3.Welt (351)) (115)

der Vogt von St.Pauli 1847: die meisten Mädchen kommen weil sie nicht arbeiten wollen, manche wegen der Wollust (115)

Lilli Brandt über Osteuropäerinnen → deren Problem sind Visum, Arbeitserlaubnis Scheinehemann... nicht die Anerkennung als Prostituierte (116)

„Die Auseinandersetzung mit der migrantischen Sexarbeit wird von vielen Abolitist*innen mit einem latenten, aber dennoch kaum zu übersehenden Rassismus geführt.“ (117)

 - Einwanderinnen oft in komplexen Diskursiven zwischen traditionellen familiären Bindungen und postkolonialer Moderne (117)

 - Begriffe wie Menschenhandel, Prostitution, Schleusung etc. werden nicht trennscharf benutzt (117)

 - Anzahl der Betroffenen kaum nennbar da fehlende Aufenthalts- und Arbeitsdokumente (118)

Fußball WM 2006 und die Voreingenommenheit der Studienleiterin Chr. Oppenheimer da Aktivistin gegen Prostitution (119)

„Es ist überdies erstaunlich, wie wenig Behauptungen nachgewiesen wurden die im Zusammenhang mit migrantischer Sexarbeit veröffentlicht werden.“ (120)

Zeitschrift „Osteuropa“ Juni 2006: Prostitution und Migration können freiwillig und selbstbestimmt sein doch gleichzeitig auch mit Gewalt und Ausbeutung verbunden sein (121)

 

Neue Entwicklungen in der Sexarbeit

Seit Anfang 21. Jhd. Repressive Gesetze gegenüber Sexarbeiter*innen und deren Selbstbestimmungsrecht eingebettet in verschiedene konservative und reaktionäre politische Strömungen (123)

die „armen Opfer“ der Schlepper → erst professionelle und illegale Hilfe ermöglicht Flucht, was auch immer Flüchtlinge dann hier machen (124)

 - die Sexarbeiterin ist dabei genau so Opfer wie Haushalts- oder Pflegehilfen ohne Aufenthalts- & Arbeitserlaubnis (124)

Verknüpfung von Sexarbeit und Menschenhandel (das meinen Abolitionist*innen wenn sie von Prostitution reden) als Propaganda zur Abschottung Europas (125)

einerseits heutzutage mehr Geschlechtergerechtigkeit, andererseits heteronormative Kontrollgesellschaft mit biologistischen und antifeministischen Positionen (126)

Gewerbe der Sexarbeit ist eng an gesellschaftliche Veränderungen gekoppelt → dies wird von Konservativen Sichtweisen (Prostituierte = Opfer) nicht gesehen (127)

 - Inanspruchnahme von Frauen von sexuellen Dienstleistungen „...weist auf eine schwächer werdende Bedeutung der Strukturkategorie Geschlecht hin...“ also kein konservativer Biologismus mehr (127)

 

Weiblicher Prostitutionstourismus

Emma 2007 (Lorna Martin): 80.000 Frauen pro Jahr auf 200 Männer in Jamaika (127) wären aber 400 Frauen auf einen Mann → unglaubwürdig (128)

Thailand 30.000 männl. Prostituierte für Frauen (Günsche 2013) (128)

„Spielort des Postkolonialismus“, Frauen sind ökonomisch unabhängiger geworden → Dissertation zu dem Thema von Erin Sanders, konkrete Zahlen sind schwer zu erfassen → wo ist Sextourismus, wo Urlaubsflirt, wo Heiratsschwindel? (128)

auch in früheren Zeiten Kammerzofen als Kupplerinnen für „ehrbare“ und etablierte adlige Frauen, die auch mal einen heimlichen Liebhaber wollten (130)

„Aber im Gegensatz zu den Frauen in der Sexarbeit werden die Sexarbeiter nicht als Opfer beschrieben.“ (130)

 

Ist Sexarbeit Care-Arbeit?

Begriff seit 1980er für Reproduktionsarbeit (130)

 - oft verwendet im Bereich der Sorge um Menschen mit Handicap – die sexuellen Bedürfnisse werden meist nicht beachtet (Sexualassistenz) (131)

doch auch andere Menschen haben sexuelle Bedürfnisse, die abolitionistische „...Idee vom Sexualtrieb des Mannes, der die „Prostitution beflügelt““ klammert dies aus (131)

Diskrepanz Hure & Heilige bei Care Arbeit (Sexualassistenz), von A. Schwartzer wird dies lediglich als Verharmlosung der Prostitution gesehen (133)

oft in Care-Arbeit Migrantinnen, Sexarbeit aber besser bezahlt als Raumpflegerinnen oder Hausangestellte (134)

patriarchale Strukturen durchziehen übrigens alle unsere Lebensbereiche, Beispiel Begleitung der Fahrt zum Canasta Abend des gehbehinderten alten Mannes, ist das ein menschliches Bedürfnis oder männlicher Anspruch? (135)

Unterwerfung von Sexarbeit unter moralische Wertungen sind „...Einfallstore für die Verurteilung von Sexarbeiter*innen und deren Kund*innen.“ (135)

Aufwertung von Care & Arbeit (ja, meistens von Frauen) bezügl. Geschlechtergerechtigkeit wichtige Aufgabe die auch Sexarbeiter*innenzugute kommen kann (136)

aber auch die seit dem 19. Jhd. Romantischen Vorstellungen von Zweierbeziehung prägen unseren Blickwinkel auf Lebensentwürfe (136)

 

Wer von Prostitution redet, darf zur Ehe nicht schweigen

Bei Prostitutionsgegnern werden Friedrich Engels und August Bebel gerne herangezogen, diese jedoch komplett aus dem Zusammenhang gerissen (137)

1960er/70er Jahre: Ehe und Sexarbeit sind die beiden Seiten des Patriarchats (138)

Seit Beginn 21. Jhd wird es bei Prostitutionsgegnerinnen sehr still wenn es um das Beziehungsmodell Ehe geht (138)

Seit Mitte der 1970er Frauenhäuser in Deutschland, heute insg. ca 6.000 Plätze, auch da von offizieller Seite Diskriminierung gegenüber Sexarbeiterinnen: Migrantinnen = Menschenhandelsopfer (139)

„Die zunehmende, fast symbolhafte Zuweisung der Opferrolle an die Frauen in der Sexarbeit, lenkt ab von der Gewalt gegen Frauen, mit der sie in dieser Gesellschaft allgegenwärtig konfrontiert sind, ab. So werden andere patriarchale Strukturen, wie sie z.B. in der Institution Ehe angelegt sind, zu einer wenig hinterfragten Normalität.“ (140)

 - zunehmende Gewalt in Partnerschaften von 2012-2016 um 10,2% (BKA)

Fernsehserie „Sylvias Cats“ mal eine angenehme Ausnahme von Prostitution in den Medien da eben nicht krimineller Background (140)

heutzutage „romantische Liebe“ im Blickfeld, in 1960er Jahren Ehe noch in Kritik - (Massen)Medien machen uns dies weiß, jedoch wird in Deutschland alle zwei Wochen statistisch jemand von seinem (Ehe) Partner ermordet (141)

rechtliche Verbesserungen für (Ehe)Frauen haben die Lage für ebendiese verbessert. „...dass eine rechtliche Stärkung der Sexarbeiter*innen auch hier für Verbesserungen sorgen könnte?“ (142)

in der Ehe wurde Stellung der Frau besser da ihre Stellung in der Gesellschaft besser wurde „sollte es gelingen, dass eine Entstigmatisierung der Sexarbeiter*innen erreicht wird, ist davon auszugehen, dass dies ebenfalls die gesellschaftliche Stellung der Frauen bestärken könnte.“ (142)

 

Sexarbeit ≠ Prostitution

es ist nicht dasselbe Phänomen, während die einen Arbeit meinen, meinen die anderen Abwertung & Erniedrigung

Arbeit im kapitalistischen Sinne meint Ausbeutung

Prostitution sieht Sexarbeit als besonderes menschliches Bedürfnis

wichtig: soziales und kulturelles Umfeld der Betroffenen beachten! Der Frage nach Zwangsarbeit und Sklaverei nachgehen und nicht alle Sexarbeiter*innen in einen Topf werfen

gegen Postkolonialismus und Freihandelsabkommen angehen & Stärkung und gewerkschaftliche Organisation und nicht totalitäre Kontrolle von Bordellen und Clubs (143)

Problem vieler junger Frauen in (sozialer) Not & ohne Schutz vor Kriminellen (weltweit), den Abolitionistinnen geht es aber um Bekämpfung der Prostitution statt der Arbeit (144)

in fast allen Kulturen existieren nach wie vor frauenfeindliche Werte (Gehorsam, Gewalt) (144)

Studie von Seo-Young Cho, Axel Dreher & Eric Naumeyer zu Prostitution und Trafficking die von A. Schwartzer falsch ausgelegt wird: Autoren sprechen davon dass Legalisierung die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in diesem Bereich verbessert (Uni Heidelberg 2013) (145)

positives Beispiel Neuseeland für Legalisierung (146)

Julie Burchel die Prostituierte als Kollaborateurinnen am liebsten erschießen möchte (sic!) wegen ihrem Verrat an Frauen → wieder der Lutheranische Blick auf die „Sünderin“ Hure (148)

 

Von der verkauften Sklavin zur migrierenden Sexarbeiterin

Sexarbeiter als Opfer zu sehen erst ab Anfang 20. Jhd (148)

Völkerbund der 1920er Jahre wollte „generelle Überwachung“, der von 1948 trug abolitionistische Handschrift, trotzdem keine staatliche Einmischung mehr, da dies als eine die Frauen diskriminierende Maßnahme gesehen wurde (149)

da keine empirischen Zahlen vorhanden werden einfach hohe Zahlen von Frauenhandel angenommen (149)

UNO 2005: Prostitution im Frauenhandel als ultimative Einschränkung der Frau – warum z.B.Dienstmädchen nicht? (149)

Stärkung der rechtlichen Situation für Migrantinnen zentrales Thema bei Flüchtlingsorganisationen und Sexarbeiter Foren (150)

1927 positive Veränderungen für die Sexarbeiterinnen in St. Pauli seit Einführung der Freizügigkeit 1867 (150)

Situation von Sexarbeiterinnen aus Osteuropa hat sich durch EU Beitritt verbessert (V. Monk in Zeitschrift Osteuropa 2006) (151)

Regulierung der kommerziellen Sexindustrie hilft migrantischen Sexarbeiterinnen wenig (151)

Vor dem Hintergrund zunehmender Flüchtlinge in reichere Regionen der Diskriminierung von Sexarbeiter*innen entgegen wirken z.B. unbefristete Aufenthaltsrechte →  sie wird zwar als Opfer angesehen aber genießt keinen (Abschiebe) Schutz(152)

 

Das ProstitutionsSchutzGesetz

„...beeinflusst von moralischer Entrüstung, Unwissenheit und Bevormundung“ (Huland 2016) (153)

Dona Carmens Einwand mit dem Vergleich von 1939 (153)

ARD Morgenmagazin Arzt Brockmeyer aus Bochum: „Immer wenn mit Zwang, erreicht man die Frauen nicht“ (macht Beratungen für Sexarbeiter*innen (154)

aufsuchende Sozialarbeit wird mit dem Gesetz in Frage gestellt (155)

Schutz gegen Zwangslagen wie z.B. lebenslanges Aufenthaltsrecht fehlt (155)

RP Online (Rheinische Post) schätzt 25.000 – 45.000 Sexworker in NRW, 10-15% sind angemeldet, Gleichstellungsministerium sagt 42.000, 3.900 sind angemeldet (156)

illegales Arbeiten weil z.B. Papiere für Aufenthaltserlaubnis fehlen → Bedingungen zum arbeiten werden immer prekärer (157)

Kritik an Emmas Forderung nach noch mehr Überwachung macht Sexarbeiter*innen mundtot und ist Law-and-order Politik „Eine solche Überwachung ist geeignet einem autoritären Staat den Weg zu ebnen.“ (158)

die Verfassungsbeschwerde von 2017 Anwalt Starostik wegen Berufsfreiheit und Überprüfung wegen angeblicher Kriminalität (159)

 - jetzt eine Instanz weiter, europ. Menschenrechtsgerichtshof (160)

Aussagen wie Anfang des 20. Jhd (Lomboroso & Ferrero) Sexarbeiter*innen als weibliches Pedant zum Verbrecher (160)

Kritik an der Sache mit dem vollendeten 21. Lebensjahr → sonst wird im Gesetz nur dann nach Jugendstrafrecht verhandelt wenn „Reiferückstände“ vorliegen → sind junge Prostituierte von Reiferückständen betroffen? (160)

 

Epilog

Verortung von Sexarbeit: Schere zwischen arm & Reich spiegelt sich auch da wieder reicher Norden und armer Süden ist es aber nicht mehr (162)

Wie mit den postpubertären Sexarbeiter*innen umgehen?

„Die Ermächtigung derjenigen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, ist dabei eine zentrale Forderung. Eine solche Ermächtigung würde das Patriarchat wesentlich stärker unter Druck setzen als restriktive Maßnahmen die Sexarbeiter*innen betreffen.“ (162)

viele junge Menschen unterwegs, ob nun wegen Krieg oder anderem Druck, oft tragische Schicksale die Sexarbeit machen

Problem sind Rassismus, Sexismus und Abschottung der Reichen

Abolitionistinnen wollen durch Kontrolle und Disziplin den Sexismus bekämpfen, „Daß dies wieder zu Lasten der Frauen in der Sexarbeit geht wird dabei gerne in Kauf genommen.“ (163)

 - Potential der Selbstorganisation und Solidarität von Sexarbeiter*innen werden ignoriert

BuFas (http://www.bufas.net), so wichtig und notwendig sie auch sind „...können sie eine gewerkschaftliche Organisierung von unten nicht ersetzen.“ (163)

Der BSD (http://www.bsd-ev.info) kommt dafür nicht in Frage da auch Bordellbesitzer Mitglied sind, unseren BesD (https://berufsverband-sexarbeit.de) hat er unterschlagen – er plädiert aber für eine bundesweite gewerkschaftliche Organisierung (164)

charakterliche Einstellung des Einstiegs in die Sexarbeit eindeutig in postpubertärer Lebensphase → keine statistische Altersspanne sondern Merkmale wie hohe Mobilität und Risikobereitschaft (164)

Konstruktion von Jugendlichkeit die durch Reisen Erfahrungen sammelt in dieser vernetzten Welt mit Patchworkbiographien und Unsicherheiten weit über die Grenze Lebensphase Jugend (also alterstechnisch)

Wurzeln der Sexarbeit finden sich in der patriarchalen Einschränkung dieser Mobilität

eine moralisch begründete Forderung nach Verbot schränkt Bewegungsfreiheit ein

Es geht darum Strukturen zu ändern um nicht in die Traditionen eines Pfarrers von 1658 zu fallen:

„Von gewanderten Handwercks Gesellen halte ich viel, von gewanderten Mägden gar nichts.“ (165)